Cookie-Richtlinie Datenschutzerklärung 052 Der Thunfisch ist ein recht verschlossenes Tier

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Der Thunfisch ist ein recht verschlossenes Tier

Auf den einzelnen Etagen wimmelte es vor Leben, das das Vergnügen suchte. Wir befanden uns in einer alten Burgruine. Musik schwappte aus allen Ecken, Tabakrauch und Wortfetzen mischten sich dazwischen. Dennoch war die Atmosphäre ein wenig angespannt, so, als würde sich bald eine Krise einstellen. Doch die meisten hier ahnten nichts davon.

Ich traf viele liebe Menschen, die mich alle in guter Einnerung behalten hatten, aus einer lange vergangenen Zeit, Menschen, die ich wiedererkannte, aber auch Artverwandte, die ich lieb gewonnen hatte. Hier und da gab es Umarmungen, mitunter auch Küsse. Die Fledermäuse vertrugen sich mit den Wildschweinen und die Giraffen spielten im Palas verstecken. Ich kann mich, ehrlich gesagt, an keine männliche Person mehr erinnern, außer meinem Vater, dem alten Schimpansen, der sich noch einmal, ein letztes Mal bereit erklärt hatte, uns zu begleiten. Auch sonst war viel Verwandtschaft anwesend, so dass ich beim Notieren dieser Erinnerungen den Verdacht hatte, an diesem Tag wäre einer meiner Geburtstage gewesen.

Mein erste Geburt vollzog sich rein biologisch. Anwesend waren meine Mutter, eine Hebamme und ein Arzt. Ich kam etwas später dazu.

Meine zweite Geburt war schon eher mentaler Natur. Ich weiß noch genau, wie sich zwischen meinen Ohren das erste klare Wort formte. Als ich es aussprach, jubelten alle. Ich glaube, es war „Thunfisch“. Ein ganz normaler Zweisilber, damit hat mein sprachliches Leben begonnen. Ich war 15 Monate alt. Und Oma, eine sehr weise Orang-Utan-Dame, sagte als erstes: „Ich glaube er hat Thunfisch gesagt!“

Was für ein Jubel, war da zunächst in der Familie. Alle trugen sich das Datum dieses Tages in ihre Kalender ein.

Zum Glück nur mit Bleistift, denn als Opa, auch ein Orang-Utan, fragte: „Warum fängt er nicht mit Mama an, wie alle Säuglinge?“, da löschten sie das Datum auch schon wieder raus aus ihren Kalendern. Die meisten meiner Verwandten konnten damals sowieso noch nicht unsere menschliche Sprache verstehen.

Ich selbst wusste es natürlich noch: es war ein 13. und es war Neumond. Deshalb glaub ich, konnte das nicht der Anlass für die Party in der Burgruine gewesen sein.

Also meine dritte Geburt. Der Tag, an dem ich ins Internet eingedrungen war. Na klar, von da an kannte mich ja jeder und, noch viel krasser: alle kannten meine Gedanken und noch viel, viel krasser: alle Verwandten konnten plötzlich alles verstehen. Als ich mich vor 30 Jahren hab auslesen lassen galt ich noch als Pionier. Und jetzt hängen hier alle. Erstaunlich, wie schnell doch die Zeit vergeht.

Na, wenn das kein Grund zum Feiern war? Und wir feierten heftig. Oma tanzte mit einer Robbe, meine Frau hatte sich einen Riesenkraken um den Hals gelegt und erging sich mit ihm in immer neuen Farbvariationen. Mein Großvater, der Orang-Utan, hatte sich sogar auf noch entferntere Verwandtschaft eingelassen und lag mit ein paar Asseln und Krebsen in der Lounge.

Gut, dass die Ära der globalen Despotien nun endgültig vorbei war. All die lieben Geschöpfe waren inzwischen ja auch angeschlossen. Fehlten nur noch die Dosenfische.

Doch woher kam diese Anspannung, was für eine Krise lag hier in der Luft? Niemand konnte es genauer artikulieren und so zuckten wir mit den Schultern, wenn wir welche hatten und feierten das Leben in all seinen Spielarten bis in die frühen Morgenstunden.

Irgendwann am Morgen danach, wir waren noch ein wenig vom langen Abend benommen, tauchte mein Vater vollkommen betrunken auf und weckte uns. Ich war neben Lydia, einem zutraulichen Huhn, eingeschlafen. Dort war es sehr gemütlich.

Vater lallte, er müsse um 13.oo Uhr zu Hause sein, wenn wir jetzt nicht gleich losführen, würde er wütend werden. Doch war er jetzt schon sehr wütend. Schimpansen können einem manchmal richtig auf die Nerven gehen.

Ich versuchte ihm auszureden, selbst Auto zu fahren. Er ließ sich aber nicht davon abbringen. In mir lief schon ein Film ab, wie mein Vater in einem Verkehrsunfall sein Leben und das vieler anderer Tiere ruinieren würde. Ganze Evolutionslinien könnten so zerstört werden. Meine Schwester, sie hatte auch einen Führerschein, schlug ihm vor sich auf die Rückbank zu legen, sie könne doch fahren. Keine Ahnung, woher sie auf einmal kam. Auf der Party war sie jedenfalls nicht gewesen. Mein Vater grunzte noch ein paar mal, war aber im Grunde mit dem Vorschlag einverstanden.

Nun wollten wir uns auf dem Weg zu den Autos machen, die wir vor der Party an einem alten Schlackeplatz aus dem letzten Jahrhundert geparkt hatten. Ich entschied mich, Sandy und Katja mitzunehmen, zwei niedliche Sumpfschildkröten. Ich könnte ihnen bei der Gelegenheit die versteinerten Kupferhütten hinter dem Schlackeplatz zeigen und Sandy und Katja stimmten zu. Wir gingen also los, um das Auto vom Schlackeplatz zu holen. Auch mich hatte plötzlich der Zeitdruck meines Vaters ergriffen, obwohl ich selbst gar keinen Termin hatte. Auf dem Weg zum Auto kamen wir an einem Kaufhaus vorbei, vor dem eine kleine Mauer war. Beim Anblick dieser Mauer fiel mir ein, dass ich meine Zigarettenschachtel vergessen hatte. Und nun wurde es brenzlig. Ich sagte also den Schildkröten-Mädchen, dass ich noch einmal zurück müsse. Sie wollten dort warten, sicherten sie mir zu, wahrscheinlich würden sie eh etwas länger brauchen, bis sie die Mauer ohne mich erreicht hätten. Während mein Vater also mit meiner Schwester in den Morgen wanderte, die Schildkröten in der Gegenwart verharrten, ging ich noch einmal nach hinten an den Anfang der Geschichte.

Dort traf ich erneut Lydia, die mich mit großen Augen ansah. „Wir Hühner glauben nicht an Dejavus!“ gackerte sie. Ich fragte, ob sie meine Zigaretten gesehen hätte, doch sie gackerte nur ganz aufgeregt. Wo war nur ihre Gemütlichkeit geblieben?

Ich suchte also und fand meine Zigaretten und ging zurück zur Mauer vor dem Kaufhaus. Die Mauer war noch dort, auch Sandy und Katja, die beschlossen hatten etwas zu frühstücken. Nur das Kaufhaus hatte man inzwischen gegen ein kleines Großmutterhäuschen eingetauscht. Wie gut, dass die Umtauschrechte heutzutage so kundenfreundlich sind. Sandy und Katja kauten auf einem großen Laib Brot herum. Außerdem hatten sie eine Dose Thunfisch gekauft. Ich fragte, ob das Brot schmecke. Es war industriell gebacken und sie waren nicht sehr begeistert. Da wir aber nichts anderes hatten, hatten wir nur dieses und sonst nichts als die Thunfischdose. Die wollte ich nun öffnen. Dazu standen mir mehrere Werkzeuge zur Verfügung: ein Taschenmesser, ein Zündschlüssel, ein LAN-Kabel und kein Dosenöffner. Ich mühte mich ab, aber mit den vorhandenen Werkzeugen wollte mir das Öffnen der Dose nicht so recht gelingen. Mit den nicht vorhandenen war es noch schwerer. Und da wusste ich nun endlich, dass wir mitten in einer Krise steckten.

Ich musste also ein besseres Werkzeug finden. Ich dachte, dass bestimmt im Haus meiner Großmutter etwas zu finden sei.

Nun zur Erklärung. Dies war das Haus meiner Großeltern mütterlicherseits, also der Robben-Linie, nicht der Affen-Linie, von denen ich väterlicherseits abstamme. 

Ich ging durch den feuchten Garten und betrat das Haus durch einen versteckten Eingang. An der Tür fand ich ein Zeichen, dass wir zu Hause benutzten, um zu markieren, wer mit dem Putzdienst an der Reihe war. Ich wunderte mich ein wenig, dieses Ding hier anzutreffen. Als ich gerade die Tür wieder schließen wollte, tauchte auch noch ein Staubsaugervertreter auf, um bei meiner Großtante, die im selben Haus wohnte eine Staubsaugervorführung abzuhalten. Dazu hatte sich auch meine Großmutter in ihrer Stube eingefunden. Alle Robben klatschten begeistert in die Hände.

Doch der Staubsauger war defekt. Man hatte vergessen, ihn rechtzeitig zu reparieren. Außerdem hatte ich vergessen, dass ich ja eigentlich auf der Suche nach einem Dosenöffner war. Und dass mein Vater wohl inzwischen auf der Rückbank eines Autos auf dem Schlackeplatz lag und seinen Rausch ausschlief. Und das Sandy und Katja wohl noch immer auf trockenem Industriebrot herumkauten. Die Staubsaugervorführung konnte deshalb so nicht stattfinden. Der Staubsaugervertreter begann zu lamentieren: „Welch große Krise, welch große Krise! Wer reinigt nun die Abzweige in der Evolution? Wer? Ja wer denn? Wer?“

Da hatte er recht, aber es war ja nun nicht zu ändern. Draußen auf der Straße flattergackerte ein nervöses Huhn vorbei. "Lydia!", dachte ich.

Dann trat plötzlich mein Großvater in die Stube. Ich erschrak, freute mich aber dann doch, ihn so lange nach seinem Tod endlich einmal wiederzusehen. „Schaut mal wer da ist,“ sagte ich.

„Was will der denn hier?“ wunderte sich meine Großtante und strich sich die Robbenhaare glatt.

„Vielleicht will er uns bei irgendetwas helfen,“ entgegnete ich. „Er ist sicher ja auch inzwischen ins Netz geladen worden. Da sollte es uns nicht wundern, wenn längst Vergangenes immer mal wieder auftaucht. Meine Großtante begann aufgeregt zu singen: „And what costume shall the poor girl wear to all tomorrows parties?“ Ich mochte ihren Robbengesang nicht so sehr.

„Will er etwas von mir?“ fragte sich bange meine Großmutter.

Da sagte seine Stimme: „Nein, von dir nicht. Meinen Enkel will ich sehen, du musst jetzt alleine zurechtkommen in dieser irrealen Welt!“ So sagte er und setzte sich auf das blaue Sofa, das gerade eben erst entstanden war. Meine Oma beugte sich ungläubig vor und musterte ihn. Er hätte sich im Tod ganz gut gehalten, meinte sie nüchtern.

Da wurde ich endgültig virtuell und setzte mich auch auf das Sofa. Als ich so neben ihm saß, fragte er mich: „Brauchst du Hilfe?“

Ich musste erst eine Weile überlegen. Dann sagte ich: „Zuerst möchte ich dich umarmen."

Das geschah und alle Probleme waren vergessen. Die Krise, die so lange in der Luft gehangen hatte, legte sich sanft schlafen und deckte alle Robben und Hühner, die Affen, Burgruinen, versteinerte Kupferhütten, Thunfische, Schildkröten, Krebse und Asseln zu. Und auch die Menschen.

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