Cookie-Richtlinie Datenschutzerklärung 053 Fliegen

Texte

Featured

Fliegen

Meine Schuhe hatten mich spät in meine Wohnung geführt. An allen Fenstern klebte schon der Abend. Merkwürdig, dachten meine Augen. Nur ein so kleiner Unterschied zwischen Tag und Abend.

Aber heute fiel tief aus den Wolken klarer Regen auf die Stadt. Die Schwärze dümpelte auf den rissigen Asphaltflächen vor sich hin.

Man blickt nicht hindurch, alles, was es umhüllt ist schwarz. Der Glanz unzähliger Insektenleiber.

Wenigstens war die Luft jetzt für wenige Abendstunden klar. Die Fenster flüchteten vor dem leichten Wind in die Schräglage und die Nase freute sich auf tiefe gefahrlose Atemzüge.

Ein schwarzer manngefüllter Ledermantel wankte den Gehsteig hinauf. Vor meiner Tür, hielt er an und verschnaufte, und auch der Mann darin kam kurz zur Ruhe. Er atmete ein paar mal tief durch. Seine rechte Schulter schnappte sich ihren Ärmel und hob ihn bis an die Klingelknöpfe. Der Knopf neben meinem Namen duckte sich ängstlich zur Seite, bis er seinem Finger nicht mehr ausweichen konnte. Er gab nach, presste die Kontakte aufeinander und ließ es unmisstverständlich klingeln.

Ich hatte trotz aller Mühe Besuch. Ich wollte nicht gefunden werden. Meine Lippen könnten ins Plaudern geraten. Wie schnell flöge da ein Verdacht in die Gedanken des Mantelbesitzers. Hinter meiner Stirn trugen einige vorlaute Synapsen ein unbedarftes Wort bis an die Rückseite meiner Augen, doch ich schob es schnell wieder nach hinten, tief in den Kopf zurück, bevor es sich festkleben konnte. Dem sag ich nichts! Dann öffnete ich gefasst die Wohnungstür.

Obwohl es in meinen Ohren zu Rauschen begann, drangen aus dem Mantelmann ein paar Worte. Sie wurden vom sanften Nieselregen ein wenig nach unten gedrückt, doch umso beherzter stiegen sie über der Türschwelle wieder auf, kletterten an mir weiter empor und schlüpften mir in die Ohren. Das kitzelte leicht.

Einen Kaffee? So spät am Abend? Ja, ich hatte Durst.

Schon manches mal war meine Zunge zu schnell. Erst jetzt, bemerkte ich, wie sonderbar mir das vorkam. Alle Menschen mieden mich. Und das war gut.

Ich bemerkte, wie ich erstaunt mit ihm aufbrach. Eine außergewöhnliche Entdeckung stünde mir bevor, raunte er. Dann sagte er nichts mehr.

Zwei paar Schuhe drückten, links, rechts, links, rechts die schwarze Masse des Tages auf den Asphalt und trugen ihre Besitzer in einer festen Richtung davon. Dabei knartschte es unangenehm unter den Sohlen.

Ich ging, doch eigentlich ging nicht ich. Ich folgte nur. Ich wurde gezogen, denn so schwarz sein Mantel ihn auch umhüllte, ihn schien eine verlockende Freiheit zu umgeben. Dort wollte ich sein. Die weiße Weite. Frei von mir. Wie ein Vakuum, in das mein Ich strebte, aber nicht konnte, weil auch er ging. Oder wie ein Schwerefeld, dass die Massen an sich binden will. Das Schwerefeld der Freiheit. Lächerlich. Weiß und weit und lächerlich.

Da kreisten meine Gedanken nun einer durch die Finsternis des Weltalls jagenden Sonne hinterher. Welche außergewöhnliche Entdeckung stand mir nur bevor? Auch wenn ich mich mühte, all meinen Gedanken eine feste Bahn zuzuweisen, ich bin doch wohl der Herr hinter meiner Stirn, doch sie? Sie tanzten! Alle auf einmal in einem kaum entwirrbaren Strudel, der Planeten, Satelliten und was noch alles in so ein System hineingedacht werden kann.

Bewahr es für dich, bewahr es bloß für dich!, schärfte ich mir ein. Und ja, in der Luft lag schon seit Tagen etwas Bedrohliches. Es war ja alles verpestet. Das Atmen fiel schwer. Es waren einfach zu viele Fliegen in der Luft.

Auch sie bildeten einen Strudel. Nicht endenwollende Bewegung der Luft des Morgens. Myriaden Fliegen in der Vormittagsstadt, dunkle widerwärtige Wolken im Nachmittagshimmel. Ach könnten es doch nur Stare sein! Wo waren die Vögel? Es waren Fliegen in der Luft. Unzählige Fliegen. Und nun auch meine Gedanken. Keiner hörte auf mich. Und hinterher stapfte ich. Dem großen, schwarzen, unbekannten Mantel hinterher. Lächerlich!

Man mied des Tags die Stadt. Das Schwarz dieser Fliegenwolkenwesen hing in der Luft, drang durch die Briefkastenschlitze, huschte durch die Lüftungsklappen, sickerte durch die Dächer, wollte in die Nasenlöcher mit jedem Atemzug hinein und wollte durch die Nasenlöcher mit jedem Atemzug wieder heraus. Ab und an sank die geschwärzte Luft auf die Wege herab. Dann stieg sie wie auf ein geheimes Kommando wieder auf. Aber nie weg, niemehr weg.

Viele, die sich hinauswagten, hielten sich Tücher vor die Gesichter. Es sei ungefährlich, säuselte das Radio, es verdecke nur die Sicht, verlautbarte der Fernseher. Man wollte uns damit beruhigen. Doch wer tut das ohne Grund? Umsomehr brachen Warnungen aus den anderen Medien. Im Netz türmten und wölbten und drohängstigten die altbekannten Stimmungsmacher die Angst über- und untereinander. Dort rasselten Clips mit Menschen, die ihre Briefkastenschlitze verklebten, die erklärten wie man die Schlote und Kamine abdichte. Und was man wegwischte, kehrte sofort wieder. Man lernte welche Masken sinnvoll wären, wie, wo und wann die Kommunikation scheiterte, wie sie dennoch gelänge, welche Chemikalien abhilfe schaffen, sofern der Markt sie freigäbe. Ohne Telefone wären wir alle geliefert und die Regierung hätte sich längst abgesetzt. So hieß es dort. In meiner Stadt gäbe es einige Hochsicherheitsräume, munkelte man. Da sei das Atmen auch an trockenen Tagen leicht, wurde geraunt. Niemand wusste wo genau. Und wer die Privilegierten waren, die sich dort aufhielten, wusste derselbe niemand auch genau.

Wir erreichten ein Café, das einzige, das geöffnet hatte. Schnell schlossen wir die Tür hinter uns und nahmen Platz. Ich wartete darauf, dass mein Gegenüber sich vorstellen würde.

Doch aus seinen Lippen kam nichts. So ergriff ich das Wort: Kennen Sie mich? Warum sprachen Sie mich an? Was kann ich für Sie tun? Was meinten Sie, dass sie mir zeigen wollten? Etwas Außergewöhnliches? Warum ausgerechnet ich?

Seine Lippen sagten weiterhin nichts. Er hob die Finger, zeigte 2, nickte Richtung Personal. Die Tassen kamen klein und schwarz gefüllt mit Kaffee an unseren Tisch. Merkwürdig, dass hier gearbeitet wurde. Er sah dem Kellner nach, senkte die Augen, starrte die Tischplatte an. Dann hob sich seine Tasse an den Mund, entließ einen kleinen heißen Schluck und meine Tasse tat es ihr nach.

Was wollen Sie mir mitteilen? Ich bin ihnen durch die Stadt gefolgt! Es geht doch nicht nur um eine Tasse Kaffee? Ich habe, weiß der Himmel, andere Sorgen. Wie heißen Sie denn eigentlich?

Es war ja eigentlich gar keine Bedrohung vorhanden, man konnte sich sehr wohl hinauswagen. Mit den Händen die Fliegenschwärme zur Seite scheuchen, langsam, vorsichtig einatmen, und ruckartig wieder aus. Es ging. Nicht mal die Mediziner rieten davon ab.

Noch immer sagten seine Lippen nichts. Nein, er sprach nicht. Ich würde ihm Zeit lassen müssen. Wir tranken, jeder für sich, er mit äußerster Ruhe, ich ein wenig hektisch, meine Hand zitterte schon seit Tagen. Schluck für Schluck in tieferes Schweigen.

Es war so, dass man draußen nahezu niemandem begegnete. Wahrscheinlich hielten sich alle in ihren Büros auf, wenn es sich nach Tag anfühlte und in den Wohnungen, wenn die Zeit nach Abend roch.

Hatte er aufgeblickt? Auf mich? Sein Blick lockerte sich, ja, seine Gesichtszüge wurden weich. Ein wenig weiß blitzte hinter seinen Lippen hervor. Dennoch, schwarze Augenbrauen, Bartstoppeln, all das ließ ihn aussehen, als sei er viel geeigneter, ein Geheimnis mit sich herumzutragen als ich.

Mein Name ist unwichtig. Nun hatte er endlich geredet. Und das hatte ich erwartet, Geheimnisträger geben nie ihren Namen Preis.

Sie sind der einzige, der den Fliegen trotzt, deshalb sprach ich Sie an, Sie verzeihen, es ist mir wichtig. Sind Sie oft draußen? Sie sind oft draußen, nicht wahr? Ich habe Sie gesehen.

Ja, das stimmte, das musste ich bestätigen. Was sollte ich tun? Vorgaukeln ich hätte eine Bechäftigung, so tun, als ob meine Wohnung mir genügte? Aber nicht weiter reden. Bloß nichts Unwiderrufliches sagen. Ich bin nicht der Schuldige, ich habe die Fliegen nicht herausgelassen.

Die Fliegen, sagte er, sind der Grund. Sie wissen... Wie sollte ich nicht wissen. Natürlich die Fliegen. Haben Sie eine Erklärung?, fragte ich ihn.

Nein, keine Erklärung. Eine Entdeckung, die mich sehr beunruhigt, so sehr, dass ich sie nicht alleine tragen will. Nun ja, es sind ja bloß Insekten. Aber haben sie gesehen, was sie tun. Mit uns? Haben Sie das gesehen? Menschen verschwinden.

Das war mir neu. Es war an mir nein zu sagen. Sie töten nicht, ich, ich töte, mit jedem Schritt, den ich tu. Ich töte tausende mit jedem Weg, den ich gehe. Die in der Luft lassen sich vertreiben, schon wenn man sich nähert lösen sich die Schwaden, stieben zur Seite. Sicher bedrohlich wirken sie, das gebe ich zu. Aber nicht die Massen auf den Wegen. Überall.

Tausende Wolken schwarzer Fliegen haben sich den Luftraum über der Stadt erobert, keine sticht, nur dringen sie einem manchmal ins Körperinnere, wenn man nicht aufpasst.

Wir müssen es publik machen! Sie haben nichts gesehen, nein? Obwohl Sie ständig draußen sind? Sie bringen Menschen um den Verstand. Viele sind zu Boden gefallen, schwarze Massen von Fliegen auf ihrem Körper. Auch von innen. Und dann verschwinden sie.

Die Fliegen oder die Menschen?, fragte ich. Müsste man sie nicht sehen, die Leichen, die Toten, von denen Sie sprechen, fragte ich, ich zertrete sie, die Fliegen, das knartscht unter den Füßen, aber ich tu es dennoch. Das sind die einzigen Toten.

Die Vögel?

Irgendwann werden sie wiederkommen, sagte ich, wenn alles vorbei ist, Vögel werden kommen, Da brauchen Sie sich nicht aufregen. Fühlen Sie sich hilflos? Sind sie allein?

Wo waren sie, die Vögel, die Insektenvertilger, die Gedankenzerstreuer. Es gab keine dieses Jahr, und auch letztes Jahr nicht, und davor nicht, aber überall die vielen kleinen schwarze Fliegen, überall. Es sind meine Gedanken. Ich bin nicht mehr Herr über sie. Mir sind sie entwichen. Sie entfliegen mir. Es tut mir leid. Doch einige zertrete ich ja. Nur schaffe ich nicht alle. Es denkt zu schnell in mir. Irgendwo müssen sie ja hin. Nicht wahr? Bitte, es tut mir leid.

Kommen Sie, sagte er dann. Die Tassen waren leer. Meine Gedanken strömten nun geordnet durch den Kopf. Alles nicht so wild, dachte ich. Nur ein komischer Kauz, dachte ich.

Kommen Sie, Sie glauben mir nicht. Wir gehen in den Park. Folgen Sie mir. Ja doch, ich folgte, er zitterte, er schien auch alt zu sein, ich dachte: ein Spinner, wie viele dieser Menschen gibt es auf der Welt?

Plagen hat es schon viele gegeben, auch diese geht vorbei. Vielleicht hält er sich für einen Propheten, ein religiöser Fanatiker ist er, der die Welt verbessern will.

Die Straße war schwarz, wie alles, sein Mantel erlosch im Heer der Fliegen, sie schwirrten, die Luft summte. Dann ließ er sich zu Boden fallen. Die Fliegenwolken waberten schwarz über seinen Körper. Und dann flogen sie davon. Er hatte sich aufgelöst. Nur der Mantel lag noch da. Ich war allein. Und alle Gedanken waren weg.

 

Impressum und Kontakt

Navigationspfad

 

Gedanken sind wie zügellose Pferde