Galu und Mozzel erreichen Greb
Galu war also fast ein Waisenkind, nur wusste er es nicht. Er wusste, dass er im Vergleich zu Mozzel langsam war, das stimmte. Und er war ein wenig tolpatschig, auch das stimmte. Aber er war das erste Fabelwesen, dass aus eigener Kraft heraus versucht hatte, bis an seine Grenzen zu gehen. Für diesen Versuch war ihm Mozzel dankbar, so wie er auch dankbar war, dass er nicht als Braten auf Galus Teller gelandet ist.
„Galu,“ so sagte er, „du bist ein besonderer Glau. Und du weißt gar nicht, wie wichtig du für die Menschen bist.“
„Jetzt gebrauchst du schon wieder dieses Wort – Menschen. Was ist das und was habe ich damit zu tun?“
„Wir erreichen bald Greb und du solltest dir langsam überlegen, wohin du eigentlich willst. Denn das kann und darf ich dir nicht erzählen, damit du deine Aufgabe erfolgreich beendest.“
„Hey, was denn für eine Aufgabe?“
„Ich könnte dir das erzählen. Aber zunächst solltest du mir aus deinem Leben erzählen, bevor ich dir sage, was hier eigentlich passiert.“
„Was hier eigentlich passiert?“ Galu musste sich doch sehr wundern.
„Na los. Erzähle mir, woran du dich erinnern kannst!“
„Ich habe in Klimanien gelebt, was sonst? Und ich habe versucht herauszufinden, wo Klimanien aufhört. Mehr gibt es nicht zu erzählen.“
„Ach Galu. Du musst dich erinnern. Weißt du, was das Wort ‚Großmutter‘ bedeutet?“
„Was? Was ist denn das schon wieder. Mozzel ich kann dich nun wirklich nicht mehr ernst nehmen. Du wirfst mit Begriffen um dich, die in meinen kleinen Glau-Kopf gar nicht alle hineinpassen.“
„Nicht mehr hineinpassen!“, verbesserte Mozzel, „denn in Wahrheit weißt du das alles ganz genau. Damals, als du von Greb aus zu deiner Hütte gebracht wurdest, wusstest du es genau. Aber mehr kann ich dir nicht sagen. Da musst du schon selbst draufkommen. Lass uns weiter wandern. Morgen erreichen wir Greb.“
Mozzel sollte Recht behalten. Am Abend des nächsten Tages bemerkte Galu wie die Landschaft immer dünner wurde. Ja wirklich – anders konnte er es nicht beschreiben. Es schien, als wollten sich Schneeland und Grünland auf immer verabschieden. Alles wurde blass. Er sah nur noch einen kleiner werdenden Streifen von Grünland und einen von Schneeland. Jenseits davon war zu beiden Seiten Nebel. Dieser Nebel türmte sich mit jedem Schritt, den sie weiter westwärts gingen, höher und höher.
Und dann hörte er etwas, was er niemals zuvor gehört hatte. Ein Rauschen, fast ein dröhnendes Donnern in seinen Ohren. Er musste sich eingestehen, dass eine leise Angst unter seine Haut kroch.
Mozzel sah das. „Galu. Noch brauchst du keine Angst zu haben. Was du hörst ist das Meer, wie es gegen den hohen Felsen Greb braust. Das ist deshalb so laut, weil hier an dieser Stelle alles zusammenkommt, was auf einer Welt nur zusammenkommen kann. Wir sind bald in Greb. Da hört also Klimanien auf, und natürlich auch Grünland und Schneeland. Davon wird dann nichts mehr zu sehen sein, als ein kümmerlicher meterbreiter Streifen. Rechts davon liegt das Meer Kifizap, links davon das Meer Kitnalta. Es gibt keine stürmischeren Meere als diese beiden. Ja und hinter dem Felsen... Hinter dem Felsen beginnt etwas Neues – aber vielleicht ist es gar nicht so neu für dich.“
Hier hörte also Klimanien auf. Galu malte sich gerade aus, was ihm wohl passiert wäre, wenn er weiter seinen Plan verfolgt hätte, Grünland zu durchqueren. Als hätte Mozzel das bemerkt, sagte er. „Weißt du Galu. Wenn du es damals geschafft hättest durch Grünland zu wandern, hätten wir uns wohl nie wieder gesehen. Vielleicht wärst du unterwegs einfach liegen geblieben, weil du keine Kraft mehr gehabt hättest. Grünland ist wie ein Urwald, den sich alle Köpfe dieser Welt gleichzeitig ausgedacht haben. Man verstrickt sich in so viel Fantasie.
„Und was wäre mir in Schneeland passiert?“
„Gefroren hättest du. Alles ist Eis und Kälte. Kein Glau kann ohne etwas Schönes leben.“
Mozzel ging weiter und Galu folgte, bis er in der Ferne dieselben zerklüfteten Felsen sah, die er vor ungefähr siebenundfünfzig Jahren zusammen mit seiner Großmutter überwunden hatte. Aber das wusste er nicht mehr. Er grübelte noch immer darüber nach, welchen Weg er gehen wollte.
