Wo faule Blätter vertrocknen
Vor Galu und Mozzel ragte nun riesig groß und schwarz Greb auf. Links und rechts war er von dichtem Nebel umwoben. Überall ragten schroffe Felsenkanten in die Nebelberge. Ab und an rieselten kleine Steinchen zu Boden. Galu versuchte die Spitze des Felsens zu erspähen und neigte seinen Kopf so weit zurück, dass er fast hintenüber gefallen wäre. Die Spitze sah er nicht. Dafür sah er aber, dass weit oben schwarze und weiße Vögel den Berg umkreisten. Nur hören konnte man sie nicht. Kein Vogelschrei drang von so weit oben bis hinunter zu ihnen.
„So Galu. Dies ist das Ende Klimaniens. Du wolltest es sehen. Nun könntest du wieder nach Hause.“
Mozzels Worte kamen Galu merkwürdig vor. Irgendwie hatte er noch gar nicht daran gedacht wieder umzukehren. Das ist das Problem, wenn man neugierig ist. Galu hatte innerlich schon mit der Besteigung des Bergs Greb begonnen. Natürlich wollte er wissen, was hinter diesem Felsen ist. Es könnte doch immerhin sein, dass es dort auch ein Grünland und ein Schneeland gab. Es könnte doch sogar sein, dass es dort mehr als nur zwei Länder gab. Vielleicht könnte man von dort die beiden Meere, die man hier nur hören konnte, auch sehen?
„Galu? - Bist du bereit nach Hause zu gehen?“
„Irgendetwas stimmt hier nicht Mozzel. Mir kommt es vor, als hätte ich diese Frage schon einmal gehört!“
„Ich habe dich schon zwei mal gefragt. Du scheinst mir ganz woanders zu sein.“
„Nein, ich habe diese Frage schon einmal woanders gehört. Seltsam. Ich war doch bisher immer allein. Aber ich weiß es ganz genau. Ich bin bereit nach Hause zu gehen Mozzel. Los! Wir klettern auf den Felsen. Ich habe eine Leiter!“
„Über den Berg? Aber ist dein zu Hause nicht mehr in Klimanien, Galu?“ Mozzel grinste verschmitzt.
„Ja – natürlich – du hast recht. Ich wollte sagen: Wir klettern auf den Felsen!“
Innerlich freute sich Mozzel natürlich über Galus Entschluss. Doch wollte er ihm das nicht zeigen. Statt dessen sagte er nur: „Es ist gefährlich!“
„Aber wir sind zu zweit und wir sind Freunde, sagte Galu! Was kann da schon gefährlich sein?“
„Hinter Greb, den die Menschen auf der anderen Seite Berg nennen, befinden sich wieder zwei Landesteile, Sebabel und Besoram. Auch sie sind gesäumt von den gewaltigen Meeren. Stell dir vor, was passiert, wenn du am Felsen ausrutscht und ins Wasser fällst. Kannst du schwimmen?“
Galu hatte bisher Wasser nur als Schmelzwasser kennen gelernt. Er sammelte es in Schneeland und brachte es in seine Hütte, wo es schmolz. Dann trank er es. Nie hätte er sich vorstellen können, dass es eine ganze Fläche, die nur mit Wasser bedeckt war, geben könnte. „Was ist unter dem Wasser?“ wollte er deshalb wissen.
„Nichts. Wenn du hinein fällst, wirst du ertrinken. Oder du kannst schwimmen.“
„Gut!“ Aber Galu war es gar nicht gut zumute. „Ich bin ein Glau, das Wasser tiefblau. Und plötzlich wird mir im Magen ganz flau!“
„Außerdem fließen auf der anderen Seite mächtige Flüsse, die so groß sind, dass wir kleinen Wesen sie niemals durchschwimmen könnten.“
„Jaja – schon gut,“ sagte Galu. „Wir kehren um.“
Plötzlich erhob sich ein zweites, neues dröhnendes Geräusch. Es brauste so sehr, dass Galu ängstlich fragte: „Kann das Meer uns hier finden?“
„Das Meer, nein, das bleibt wo es ist. Was ist denn mit dir?“
Es war als baue sich ein gewaltiger Wind über seinem Kopf auf. Seine Haare sträubten sich bei dem Geräusch. Aber nur seine. Mozzel schien nichts zu bemerken.
„Es wird so laut – Mozzel – so entsetzlich laut!“ schrie Galu.
Im selben Moment, in dem Galu das gesagt hatte, wurde es wieder ganz still und eine ferne aber mächtige Stimme erhob sich. Galu fiel hintenüber.
„Wo faulige Blätter vertrocknen ist der schmale Pfad deiner Grenze. Vor dir verdampft deine Herkunft wie Eis. Das vor Hunger geplatzte Ziel stärkt dir den Rücken. Zu Staub zerfallene Keime der Zeit bedecken dich mit Dimensionen. Wahr ist nur die Grenze. Nutze sie!“
