Gila erhält Besuch
Gila stand schon wieder an ihrem Fenster. Gerade als Galu endlich eine Entscheidung getroffen hatte, verlor sie den Blickkontakt zu ihm. Der Nebel war so dicht geworden, dass sie nur noch die eine Seite des Berges sehen konnte, die hintere, die Grebseite, blieb für sie nun verborgen. „Merkwürdig – dieser Berg, dachte sie. Wie er so plötzlich die Sicht der Menschen verändert hat. Nur wer Klimanien mit eigenen Augen gesehen hat, so wie ich, kann es auch jetzt noch manchmal erkennen. Und ich könnte so manche Geschichte erzählen, darüber wie es damals dort zu ging. Doch niemand will sie hören.“
Gila hörte schwere Schritte hinter sich, doch sie beunruhigten sie nicht. Nicht mehr. Ein uralter Mann war es, der dort hinten, irgendwo im Haus auf und ab ging. Seit über Fünfzig Jahren, jeden Tag ging das nun schon so.
Die Schritte kamen näher, es klopfte an der Tür, wie jeden Tag, und eine leise Stimme fragte, wie jeden Tag: „Ist er schon über den Berg?“ Die Schritte setzten gleich wieder ein, ohne eine Antwort abzuwarten. Aber heute konnte Gila antworten.
„Er hat sich gerade entschieden!“
Die Schritte hörten auf. Die Stimme klang nun zittrig: „Weiß er den Weg?“
„Ich denke, er kommt durch die Sümpfe!“
Schweigen – dann wieder Schritte. Ganz langsam jetzt. „Durch die Sümpfe!“ sagte die Stimme. „Bald ist meine Kraft endgültig erloschen.“
„Er wird es schaffen!“ sagte Gila rasch. „Er wird es ganz bestimmt schaffen!“
Dann war Gila wieder allein in diesem merkwürdigen Gebäude, dass sie nun schon so lange Zeit bewohnen musste. Nur einmal an jedem Tag verließ sie das Haus, ging hinaus und wanderte bis zu dem Berg. So weit, wie er es zuließ, und nah genug um einen Blick nach Klimanien erhaschen zu können.
Niemand war bei ihr, mit dem sie hätte reden können – abgesehen von den täglichen Fragen des alten Mannes. Anfangs hatte er noch mehr zu erzählen gehabt, doch mit der Zeit gewöhnte er sich das ab. Der einzige Wunsch Gilas und auch sein Wunsch war es – dass diese ewige Wartezeit beendet würde. und jetzt war sie auch allein mit der Hoffnung, dass Galu den Berg bezwingen würde und dass er die Sümpfe Sebabels überwinden könnte und dass er bald bei ihr sein möge – wie auch immer er das anstellte. Der alte Mann hatte diese Hoffnung längst aufgegeben. Obwohl er sich wohl auch etwas Ähnliches wünschte.
Klimanien war zu ihrer Ersatzwelt geworden. Hier konnte sie, wenn auch nur von ferne an einem abenteuerlichen Leben teilhaben. Das war es, was sie bisher an ihrer Hoffnung festhalten ließ. Klimanien war ein Teil ihres Lebens. Als Galu das Licht der Welt erblickte und sie unerwartet Großmutter geworden war, hatte sie noch in ihrer Fantasiewelt gelebt. Alles war, wie es sein musste. Es gab die Menschen und es gab Klimanien. Bis plötzlich dieser Berg in die Höhe schnellte. Das schlimme war, dass die Menschen es gar nicht bemerkt hatten. Und sie bemerkten auch nicht, dass der Berg noch immer wuchs. Galu würde das schon bald zu spüren bekommen.
