Der alte Mann mit dem schwarzen Gewand
Gilas kleine Hütte hatte schon immer an diesem Ort gestanden. Genau dort, wo Besoram und Sebabel zusammentrafen. Eines Tages, als Gila es sich gerade mit ihrem munteren kleinen Enkel und einer riesigen Portion Beerenbrei gemütlich machen wollten, geschah etwas, was ihr ganzes Leben durcheinander wirbelte und für immer veränderte.
Das Pochen an der Tür hat sie seitdem niemehr vergessen. Und auch nicht den Schrecken, nachdem sie die Tür geöffnet hatte.
Vor ihr stand eine große schwarz verhüllte Gestalt. Gila packte die Angst, sie wollte „Hilfe!“ schreien, doch da sprach die Gestalt bereits zu ihr:
„Ich brauche deine Hilfe! Du bist Gila und hast einen Enkel namens Galu?“
„Jaja, das ist richtig!“ stammelte Gila.
„Du musst deinen Enkel nehmen und mir folgen. Ich erzähle dir alles auf dem Weg nach Greb. Hast du je von Greb gehört?“
Dieser Begriff war Gila vollkommen unbekannt.
„Hier wird er Berg genannt – und er wächst.“
Natürlich kannte sie den Berg. Da Gila die fremde Gestalt plötzlich gar nicht mehr so bedrohlich vorkam, fasste sie sich ein Herz, holte Galu, der sich inzwischen selbst mit dem frischen Beerenbrei gestärkt hatte, und folgte der schwarzen Gestalt bis nach Greb.
Gila und der schwarze Mann kamen schnell in Greb an. Viel schneller als das Galu und Mozzel das später schaffen sollten. Aber, was sie auf dieser kurzen Reise erfuhr, war ungeheurlich. "Die Menschen vergessen uns. Seit dieser Berg gewachsen ist. Spürst du das nicht auch?" Hatte der Schwarze gesagt. "Meine Kräfte werden verschwinden, wenn niemand an mich glaubt. Und dir und Galu wird es ganz genauso ergehen. Wir müssen etwas tun. Wir brauchen ein Wunder, sonst sind wir und die Menschen verloren."
„Soll das etwa heißen, dass ich..?“ Gila musste schlucken. Ja, sie wusste genau, wovon der Mann sprach. Seit dieser Berg sich in die Landschaft geschoben hatte, war eine noch viel bedrohlichere Veränderung im Gange. Ganz langsam.
Vor sich sah Gila diesen mächtigen Felsen, so schwarz, dass er ihren schwarzen Begleiter zu verschlucken schien. Vor ihr lagen die beiden Landeshälften Klimaniens. Aber beide Teile waren nur ein dünner Streifen. Eigentlich gab es nur noch diesen Grenzstreifen, ein wenig weiß, ein wenig grün. Der letzte kümmerliche Rest eines verlorenen Landes. Alles andere war Nebel, durch den sie ein unbekanntes Rauschen vernehmen konnte.
Sie fühlte sich nicht wohl an diesem Ort, aber der Schwarze hatte recht. Diese Felsen übte eine sonderbare Kraft aus.
„Was soll denn nun hier passieren?“ wollte sie wissen.
„Wir müssen zurück in das Land der Menschen, aber Galu in Klimanien zurücklassen. Willst du das für uns tun?“
Welche schreckliche Vorstellung. Nein, das ginge auf gar keinen Fall, hatte Gila gesagt. Aber der Schwarze blickte sie so voller Hoffnung an, dass sie es nicht wagte, diesen Gedanken auszusprechen.
„Wir müssen dieses Hindernis überwinden!“ hatte der Schwarze gesagt. „Wir zwei und Galu. Willst du mir helfen?“
"Ich soll mit dir in das Land der Menschen zurückziehen und Galu alleine lassen. Er kann doch gerade erst laufen!"
"Du bist die erste, die Greb aus der Nähe gesehen hat. Du weißt, wie es auf der anderen Seite aussieht, und deine Liebe zu deinem kleinen Enkel ist so unendlich groß. Es geht nur so!"
Auch Galu hatte natürlich Greb schon gesehen, doch er konnte wirklich noch nicht verstehen, was dieser Berg alles ausgelöst hatte. Dazu war er viel zu klein. Gila erkannte, dass dieser riesige zerklüftete Fels nun nicht mehr nur zwischen den Menschen und Klimanien stehen würde, sondern auch zwischen ihr und ihrem Enkel.
Sie willigte ein – um den Alten vor der endgültigen Enttäuschung durch die Menschen zu bewahren. Auch der kleine Galu hatte aufmerksam zugehört. Gila erschien es, als ob auch dieser kleine Glau alles, was der Mann ihr erzählt hatte, verstanden haben müsse.
Erst jetzt blickte Gila sich in der Gegend um. Bisher war sie von ihren eigenen Gedanken gefangen. Sie hatte sich gesorgt, Angst gehabt, vor diesem schwarzen Wesen, Angst um ihren kleinen Enkel. Aber wie im Traum war sie dem Schwarzen bis hierher gefolgt, hatte ihm trotz ihrer Angst vertraut.
„Wird es den Menschen helfen, wenn ich zu ihnen gehe?“
„Nein. Du wirst ihnen nicht helfen, denn du hast nicht aus eigener Kraft versucht das Rätsel um Greb zu lösen. Ich habe dich hierher geführt, ich werde dich auch über den Berg führen, wie ihn die Menschen auf der anderen Seite bald nennen werden. Deine Aufgabe ist es lediglich drüben auf der anderen Seite von Galu gefunden zu werden.“
